LEO XIV.
GENERALAUDIENZ
Petersplatz
Mittwoch, 17. Dezember 2025
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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag und herzlich willkommen!
Wir erleben diese Begegnung, die der Reflexion gewidmet ist, am letzten Tag des Kalenderjahres, kurz vor dem Ende des Jubiläums und mitten in der Weihnachtszeit.
Das vergangene Jahr war gewiss von wichtigen Ereignissen geprägt: einige freudig, wie die Pilgerfahrt von vielen Gläubigen anlässlich des Heiligen Jahres; andere schmerzlich, wie der Heimgang des verstorbenen Papstes Franziskus und die Kriegsszenarien, die auch weiterhin die Erde erschüttern. Zum Jahresende lädt die Kirche uns ein, alles vor den Herrn zu bringen, uns seiner Vorsehung anzuvertrauen und ihn zu bitten, in den Tagen, die kommen werden, in uns und um uns herum die Wunder seiner Gnade und seiner Barmherzigkeit zu erneuern.
In diese Dynamik fügt sich die Tradition des feierlichen Gesangs des Te Deum ein, mit dem wir heute Abend dem Herrn für die empfangenen Wohltaten danken. Wir werden singen: »Dich, Gott, loben wir«, »Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt«, »Erbarme dich unser, o Herr, erbarme dich unser«. In diesem Zusammenhang sagte Papst Franziskus, dass »weltliche Dankbarkeit und weltliche Hoffnung illusorisch« sind. »Sie beschränken sich auf das Ich, auf seine Interessen […] In dieser Liturgie dagegen atmet man eine ganz andere Atmosphäre: eine Atmosphäre des Lobes, des Staunens, der Dankbarkeit« (Predigt in der Ersten Vesper zum Hochfest der Gottesmutter Maria, 31. Dezember 2023).
Und in dieser Haltung sind wir heute aufgerufen, darüber nachzudenken, was der Herr im vergangenen Jahr für uns getan hat, und auch unser Gewissen aufrichtig zu erforschen, unsere Antwort auf seine Gaben zu bewerten und um Vergebung zu bitten für alle Augenblicke, in denen wir es nicht verstanden haben, uns seine Eingebungen zu Nutze zu machen und die Talente, die er uns anvertraut hat, bestmöglich zu investieren (vgl. Mt 25,14-30).
Das bringt uns dahin, über ein weiteres großes Zeichen nachzudenken, das uns in den letzten Monaten begleitet hat: das Zeichen des »Weges« und des »Zieles«. Unzählige Pilger sind in diesem Jahr aus allen Teilen der Welt gekommen, um am Grab des Petrus zu beten und ihre Treue zu Christus zu bekräftigen. Das erinnert uns daran, dass unser ganzes Leben eine Reise ist, deren endgültiges Ziel über Raum und Zeit hinausgeht, um in der Begegnung mit Gott und in der vollen und ewigen Gemeinschaft mit ihm zur Vollendung zu gelangen (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1024). Auch darum werden wir im Gebet des Te Deum bitten, wenn wir sprechen: »In der ewigen Herrlichkeit zähle uns deinen Heiligen zu.« Nicht zufällig hat der heilige Paul VI. das Jubiläum als einen großen Glaubensakt bezeichnet, in »Erwartung der zukünftigen Bestimmung […], die wir schon jetzt kosten und […] vorbereiten« (Generalaudienz, 17. Dezember 1975).
Und im Rahmen dieses eschatologischen Lichtes der Begegnung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen steht ein drittes Zeichen: das Durchschreiten der Heiligen Pforte. Viele von uns haben es gemacht, betend und um Ablass für uns und für unsere Angehörigen bittend. Es bringt unser »Ja« zu Gott zum Ausdruck, der uns mit seiner Vergebung einlädt, die Schwelle eines neuen Lebens zu überschreiten, von der Gnade beseelt, am Evangelium geformt, entbrannt in der »Liebe zu jenem Nächsten, als der jeder Mensch bezeichnet werden kann […], der Verständnis, Hilfe, Trost, Opfer braucht, auch wenn er uns persönlich unbekannt ist, auch wenn er lästig und feindselig ist, aber ausgestattet mit der unvergleichlichen Würde eines Bruders« (Hl. Paul VI., Predigt zum Abschluss des Heiligen Jahres , 25. Dezember 1975; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche , 1826-1827). Es ist unser »Ja« zu einem Leben, das in der Gegenwart mit Hingabe gelebt und auf die Ewigkeit ausgerichtet ist.
Meine Lieben, wir denken über diese Zeichen im Licht von Weihnachten nach. Der heilige Leo der Große sah in diesem Zusammenhang im Fest der Geburt Jesu die Verkündigung einer Freude, die für alle ist. Er sagte: »Es jauchze der Heilige, weil er sich der Siegespalme naht; es frohlocke der Sünder, weil ihm Verzeihung winkt, und neuer Mut belebe den Heiden, weil ihn das Leben ruft!« (Sermo XXI: Erste Predigt auf Weihnachten, 1).
Seine Einladung ist heute an uns alle gerichtet, die wir durch die Taufe heilig sind, denn Gott hat sich zu unserem Gefährten auf dem Weg zum wahren Leben gemacht; an uns Sünder, denn uns wurde vergeben, und mit seiner Gnade können wir uns erheben und uns wieder auf den Weg machen; und schließlich an uns, die wir arm und schwach sind, denn der Herr hat unsere Schwäche auf sich genommen und sie erlöst und uns ihre Schönheit gezeigt und die Kraft in seiner vollkommenen Menschlichkeit (vgl. Joh 1,14).
Daher möchte ich abschließend die Worte in Erinnerung rufen, mit denen der heilige Paul VI. zum Abschluss des Jubiläums von 1975 seine grundlegende Botschaft beschrieb: Sie ist, so sagte er, in einem Wort enthalten: »Liebe«. Und er fügte hinzu: »Gott ist Liebe! Das ist die unaussprechliche Offenbarung, die das Heilige Jahr mit seinem erzieherischen Bemühen, dem Ablass, seinem Verzeihen und endlich seinem an Freude und Leid reichen Frieden uns für heute, morgen und immer ins Herz senken wollte: Gott ist Liebe! Gott liebt mich! Gott wartet auf mich, und ich habe ihn wiedergefunden! Gott ist Barmherzigkeit! Gott ist Vergebung! Gott ist Heil! Ja, Gott ist das Leben!« (Generalaudienz , 17. Dezember 1975). Mögen diese Gedanken uns auf dem Übergang vom alten in das neue Jahr und für immer in unserem Leben begleiten.
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Liebe Brüder und Schwestern deutscher Sprache, ich wünsche euch, dass ihr im Rückblick auf das vergangene Jahr in eurem Leben die Nähe und das Wirken Gottes erkennen dürft und dass euch diese Erfahrung Kraft und Zuversicht gibt für die Zukunft!
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