APOSTOLISCHE REISE VON PAPST LEO XIV.
NACH SPANIEN
(6.-12. JUNI 2026)
PREDIGT VON PAPST LEO XIV.
Basilika "Sagrada Família" (Barcellona)
Mittwoch, 10. Juni 2026
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»Herr, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!« (Ps 8,2.10). Mit dem Lobgesang dieses Psalms, der so voller Freude und Staunen ist, grüße ich euch alle, liebe Brüder und Schwestern. Ich spreche Euren Majestäten meine Dankbarkeit aus, ich danke Kardinal Juan José Omella, Erzbischof von Barcelona, sowie den anderen Brüdern im Bischofsamt und all jenen, die sich unserem Gebet anschließen: den Priestern, Diakonen, Ordensleuten und Seminaristen. An diesem Abend, einem Festtag für die ganze Stadt Barcelona, richte ich meinen dankbaren Gruß an die nationalen, regionalen und lokalen Behörden sowie an die Mitglieder anderer christlicher Gemeinschaften und anderer Religionen, die an unserer Danksagung teilnehmen.
Heute empfängt uns die Basilika Sagrada Família in dieser schönen Stadt und öffnet ihre Türen wie weit ausgebreitete Arme, um jeden an diesen Altar einzuladen und um das Wort Gottes zu hören. Dieses Gotteshaus lässt uns zu einer vom Herrn geliebten Familie werden, die er durch sein eigenes Leben in der Eucharistie nährt. So versammeln sich die Stadt Barcelona und ganz Katalonien in diesem Gotteshaus als einem Zeichen der Einheit und der Eintracht, und erheben die Augen, um dem Antlitz Gottes, des Vaters, zu begegnen, das in seinem menschgewordenen Sohn Jesus Christus erstrahlt.
Während wir dem Herrn für seine Güte uns gegenüber danken, preisen wir ihn für das, was er in unserem Leben wirkt. Wir danken ihm insbesondere für diese außergewöhnliche Basilika, die Papst Benedikt XVI im Jahr 2010 geweiht hat, und erinnern daran, dass sie ein sichtbares Zeichen des unsichtbaren Gottes ist, zu dessen Ehre ihre Türme emporragen (vgl. Predigt zur Weihe, 7. November 2010). In Fortführung des Gebets meines Vorgängers werde ich gleich den höchsten Turm segnen, den Christusturm.
Diese Kirche ist ein einziges Gebäude, das aus vielen Steinen besteht. Ein Haus, das im Laufe der Jahre stetig wächst, nach einem einheitlichen Entwurf. Wir alle sind die lebendigen Steine dieses Bauwerks, das Christus als Fundament und Höhepunkt, als Anfang und Ende hat. Die Basilika Sagrada Família ist weit mehr als nur ein Denkmal; sie ist bis heute ein Bauwerk im Entstehen, das uns daran erinnert, dass das christliche Leben stets ein Weg ist, denn es handelt sich um ein Projekt, das Gott verwirklicht.
Wir bewohnen also kein unvollendetes Werk, sondern ein Gotteshaus, das noch im Bau ist. Seine Unvollkommenheit ist kein Mangel, denn sie zeugt von einer Sehnsucht; sie bedeutet nicht ein Fehlen von etwas, sondern drückt ein Versprechen aus, das wir konsequent einhalten wollen. Unsere Dankbarkeit wird so zu einer Verpflichtung, während wir am Plan Gottes mitwirken, d. h. an dem Bauwerk, zu dem er uns selbst beruft. Da wir Tempel des Heiligen Geistes sind (vgl. 1 Kor 6,16.19), fällt dieses Werk mit unserem Leben zusammen, das Gott als ein Meisterwerk versteht, das wir gemeinsam verwirklichen sollen.
In diesem Zusammenhang bewahren wir das Wort, das der Herr an König David richtete, in unserem Herzen: »Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne?« (2 Sam 7,5). Im Gegenteil: »Nun verkündet dir der Herr, dass der Herr dir ein Haus bauen wird« (V. 11). Mit dieser Verkündigung sagt uns die Heilige Schrift, dass nicht wir es sind, die Gott einen Platz geben, als wäre er ein Element einer Reihe oder Teil eines Ganzen, das größer ist als er selbst. Vielmehr ist es Gott, der uns einen Platz gibt, und der Ort, den er uns schenkt, ist sein eigenes Herz: der Ort des Sohnes für uns, die wir Fremde waren; der Ort des Geliebten für uns, die wir Sünder sind.
Dieser Wille Gottes erfüllt sich durch Jesus: So können wir den Sinn dessen erfassen, was wir im Evangelium gehört haben, als der Herr zu den Pharisäern sagte: »Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben« (Joh 8,24). Starke Worte, die keineswegs Drohungen oder Erpressung sind. Sie sind eine Einladung zur Erlösung, d. h. ein Aufruf zur Freiheit seitens Christi, der für uns das endgültige, ewige Gut will. Angesichts der Bedrohung durch das Böse ist der Herr immer bei uns, immer für uns da. „Ich bin“: Das ist der heiligste Name, den Gott Mose aus dem brennenden Dornbusch heraus offenbart hat und damit seine unverbrüchliche Treue bekundet hat. Durch seine Menschwerdung wird er für uns zum Immanuel, zur Quelle der Gnade und der Vergebung, des Heils und des neuen Lebens. Meine Lieben, wir können nicht an Jesus glauben und Krieg führen. Wir können nicht an Jesus glauben und Unschuldige töten. Wir können nicht an Jesus glauben und diejenigen im Stich lassen, die leiden, die weinen, die vor der Not fliehen.
Denken wir also heute Abend daran, dass das Kreuz Christi, das sich auf der Spitze dieser Basilika befindet, das Kreuz der Letzten ist, die die Ersten werden, der Sünder, die Heilige werden, der Toten, die auferstehen werden. Alle drei Fassaden der Sagrada Família bezeugen dies: Der Erste wird für uns zum Letzten in seiner Geburt; durch sein Opfer erlöst er uns in der Passion; sein Tod schenkt uns das ewige Leben, indem er uns an der göttlichen Herrlichkeit teilhaben lässt. Wenn wir den Christusturm bewundern, erheben wir unsere Augen zu ihm, zu ihm, der allein uns die Wahrheit Gottes und die Wahrheit über uns selbst offenbart. Wenn wir auf Christus blicken, können wir die Welt mit neuen Augen sehen: Der Turm des Kreuzes wird dann zum Banner der Nächstenliebe, denn so liebt Gott uns, indem er ein Werkzeug des Todes in ein Zeichen der Hoffnung verwandelt. Im Kreuz Jesu erreicht unser Glaube seinen Höhepunkt, wie die Inschrift am Fuß der Turmspitze bezeugt: Tu solus Sanctus, Tu solus Dominus, tu solus Altissimus. Dieses Kreuz strahlt am Tag, indem es das Sonnenlicht reflektiert, und es glänzt in der Nacht, indem es die Stadt wie ein Leuchtturm hin zum Mittelmeer erhellt.
Ja, das Licht Christi leuchtet in der Finsternis, auch wenn die Finsternis ihn nicht aufgenommen hat (vgl. Joh 1,5.11). Diese Ablehnung lässt jedoch die Liebe Gottes nicht erlöschen: »Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt«, sagt der Herr, »dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts von mir aus tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat« (Joh 8,28). Man muss durch das Leiden des Gekreuzigten gehen, um von der Herrlichkeit des Auferstandenen erleuchtet zu werden: Denn seit jeher lehrt der Vater, das Leben zu schenken, und der Sohn, der es von ihm empfängt, schenkt es allen in der Kraft des Heiligen Geistes. Deshalb ist gerade das Kreuz das leuchtende Zeichen seiner Liebe.
Es ist der Glaube, der den Steinen Gestalt verleiht und dem Gebäude, in dem wir gemeinsam leben, Sinn gibt. In unserem Gebet entdecken wir daher die ursprüngliche Verbindung der Dinge mit Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde: Er ist der Künstler, der dem Kosmos seine Herrlichkeit eingeprägt hat. Nach seinem Bild geschaffen, antwortet der Mensch auf das Werk Gottes mit seinem eigenen Einfallsreichtum: So verwandelt der Künstler sein Talent in Lobpreis und seine Kreativität in ein Zeugnis für den Schöpfer selbst. Als ein tief gläubiger Architekt hat der ehrwürdige Diener Gottes Antoni Gaudí diese Räume mit dem Wunsch entworfen, die Geheimnisse des Lebens des Herrn zu erzählen: Auf diese Weise hat er uns eine geistliche Pilgerreise vorgeschlagen, die zur Begegnung mit Christus führt, der für uns geboren wurde, gestorben und auferstanden ist. Gemeinsam mit Gaudí, dessen hundertsten Todestag wir begehen, gedenken wir heute Nachmittag all der Förderer und Wohltäter, der Künstler und Arbeiter, die am Bau eines architektonischen Meisterwerks mitwirken, das auch eine beredte Katechese aus Steinen, Farben und Licht ist, und danken ihnen. In ihrer Weisheit erneuert die Kirche so die Biblia pauperum der alten Kathedralen, die an sich schon sehr reichhaltige Botschaften der Evangelisierung sind. In dieser Zeit der Bilder wird noch deutlicher, wie sehr Kunst und Schönheit herausragende Kanäle der Evangelisierung sind.
Liebe Brüder und Schwestern, die Schönheit dieses Gotteshauses ermutigt uns, von unserem Meister und Herrn immer mehr die Kunst zu lernen, nach seinem Evangelium zu leben. Während wir unseren Blick zu ihm, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, erheben, verpflichten wir uns, das Gesicht derer emporzuheben, die im Staub liegen (vgl. 1 Sam 2,8). Und so zeigen wir, dass die Sagrada Família die höchste Kirche der Welt ist, aber nicht, um in weltlichen Ranglisten führend zu sein, sondern um die Schritte des pilgernden Volkes Gottes in dieser Region Katalonien zu leiten, mit dem Kreuz, das den Weg erhellt wie eine brennende Lampe in Erwartung der Wiederkunft des Bräutigams.
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