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HOCHFEST DER GOTTESMUTTER MARIA - HEILIGE MESSE
59. WELTFRIEDENSTAG

PAPSTMESSE

HOMILIE VON PAPST LEO XIV.

Petersdom
Donnerstag, 1. Januar 2026

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Liebe Brüder und Schwestern,

heute, am Hochfest der Gottesmutter Maria, dem Beginn des neuen Kalenderjahres, präsentiert uns die Liturgie den Text eines wunderbaren Segensgebets: »Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden« (Num 6,24-26).

Es folgt im Buch Numeri den Anweisungen zur Weihe der Nasiräer, wodurch die heilige und fruchtbare Dimension der Gabe in der Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel hervorgehoben wird. Der Mensch bringt dem Schöpfer alles dar, was er empfangen hat, und dieser antwortet, indem er seinen wohlwollenden Blick auf ihn richtet, so wie am Anfang der Welt (vgl. Gen 1,31).

Im Übrigen war das Volk Israel, dem dieser Segen galt, ein Volk von Befreiten, von Männern und Frauen, die nach langer Sklaverei dank des Eingreifens Gottes und der großzügigen Antwort seines Knechtes Moses wieder neu geboren worden waren. Es war ein Volk, das in Ägypten eine gewisse Sicherheit genossen hatte – es mangelte nicht an Nahrung, es gab ein Dach über dem Kopf und eine gewisse Stabilität –, allerdings um den Preis des Sklavendaseins, der Unterdrückung durch eine Tyrannei, die immer mehr verlangte und immer weniger gab (vgl. Ex 5,6-7). Nun, in der Wüste, waren viele der früheren Sicherheiten verloren gegangen, aber dafür gab es Freiheit, die konkret wurde in einem offenen Weg in die Zukunft, in der Gabe eines weisen Gesetzes und in der Verheißung eines Landes, in dem man ohne Fesseln und Ketten leben und wachsen konnte: kurz gesagt, in einer neuen Geburt.

So erinnert uns die Liturgie zu Beginn des neuen Jahres daran, dass jeder Tag für jeden von uns dank der großzügigen Liebe und Barmherzigkeit Gottes und dank unserer freien Antwort der Beginn eines neuen Lebens sein kann. Es ist schön, so auf beginnende Jahr zu blicken: als einen offenen Weg, den es zu entdecken gilt, auf den wir uns dank der Gnade begeben können, als freie Menschen und Überbringer von Freiheit, als Menschen, denen vergeben wurde und die Vergebung schenken, voller Vertrauen in die Nähe und die Güte des Herrn, der uns stets begleitet.

Wir denken an all dies, während wir das Geheimnis der Gottesmutterschaft Marias feiern, die mit ihrem „Ja“ dazu beigetragen hat, dem Ursprung allen Erbarmens und aller Güte ein menschliches Antlitz zu geben: das Antlitz Jesu, durch dessen Augen – die zunächst die eines Kindes, dann die eines Jugendlichen und schließlich eines Mannes waren – die Liebe des Vaters zu uns gelangt und uns verwandelt.

Wenn wir nun zu Beginn des Jahres auf die neuen und einzigartigen Tage zugehen, die vor uns liegen, bitten wir den Herrn, dass wir jederzeit um uns herum und über uns die Geborgenheit seiner väterlichen Umarmung und das Licht seines segnenden Blickes spüren dürfen, damit wir immer besser verstehen und uns stets bewusst sind, wer wir sind und zu welchem wunderbaren Ziel wir unterwegs sind (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 41). Gleichzeitig wollen auch wir ihm Ehre erweisen, durch das Gebet, durch die Heiligkeit unseres Lebens und indem wir einander seine Güte widerspiegeln.

Der heilige Augustinus lehrte, dass in Maria »der Schöpfer des Menschen Mensch wurde: der Lenker der Gestirne, um an der Mutterbrust zu saugen; das Brot, um zu hungern […] um uns zu befreien, auch wenn wir unwürdig waren« (Sermo 191, 1.1). Damit erinnerte er an einen der grundlegenden Züge des Antlitzes Gottes: die völlige Selbstlosigkeit seiner Liebe, durch die er sich uns – wie ich in der Botschaft zum Weltfriedenstag betont habe – „unbewaffnet und entwaffnend“, nackt und schutzlos wie ein Neugeborenes in der Wiege zeigt. Und dies, um uns zu lehren, dass die Welt nicht durch das Schärfen von Schwertern, durch das Verurteilen, Unterdrücken oder Beseitigen von Brüdern und Schwestern gerettet wird, sondern vielmehr durch das unermüdliche Bemühen, zu verstehen, zu vergeben, zu befreien und alle anzunehmen, ohne Berechnung und ohne Angst.

Dies ist das Antlitz Gottes, das Maria in ihrem Schoß wachsen und Gestalt annehmen hat lassen, wodurch sich ihr Leben vollständig veränderte. Es ist das Antlitz, das sie mit dem freudigen und zarten Leuchten der Augen einer werdenden Mutter verkündete; das Antlitz, dessen Schönheit sie Tag für Tag betrachtete, während Jesus in ihrem Haus als Kind, als Junge und als junger Mann heranwuchs; und das sie dann mit dem Herzen einer demütigen Jüngerin begleitete, als er den Weg seiner Sendung bis zum Kreuz und zur Auferstehung ging. Dazu hat auch sie alle Schutzmechanismen aufgegeben, auf Erwartungen, Ansprüche und Sicherheiten verzichtet, wie Mütter es eben können, und ihr Leben vorbehaltlos dem Sohn geweiht, den sie durch Gnade empfangen hatte, um ihn ihrerseits der Welt wiederzuschenken.

So erkennen wir in der Gottesmutterschaft Mariens das Aufeinandertreffen von zwei immensen „entwaffneten” Wirklichkeiten: derjenigen Gottes, der auf alle Privilegien seiner Gottheit verzichtet, um gemäß dem Fleisch geboren zu werden (vgl. Phil 2,6-11), und derjenigen des Menschen, der sich vertrauensvoll ganz seinem Willen überlässt und ihm in einem vollkommenen Akt der Liebe seine größte Fähigkeit zu Füßen legt: die Freiheit.

Der heilige Johannes Paul II. dachte über dieses Geheimnis nach und lud dazu ein, auf das zu schauen, was die Hirten in Betlehem gefunden hatten: »Die entwaffnende Zartheit des Kindes, die überraschende Armut, in der es sich befindet, die demütige Bescheidenheit von Maria und Josef« haben ihr Leben verwandelt und sie zu »Heilsboten« gemacht (Predigt in der Messe zu Ehren der Heiligen Maria, Mutter Gottes, XXXIVWeltfriedenstag, 1. Januar 2001).

So sagte er am Ende des Großen Jubiläumsjahres 2000 mit Worten, die auch uns zum Nachdenken anregen können: »Wie viele Gnadengaben, wie viele außerordentliche Gelegenheiten hat das Große Jubiläumsjahr den Gläubigen geboten! Durch die Erfahrung der empfangenen und geschenkten Vergebung, im Gedenken an die Märtyrer, im Hören des Aufschreies der Armen dieser Welt […] konnten auch wir die heilbringende Gegenwart Gottes in der Geschichte erkennen. Wir haben seine Liebe, die das Antlitz der Erde erneuert, gewissermaßen am eigenen Leibe erfahren. […] Ebenso wie von den Hirten, die herbeieilten, um ihn anzubeten, fordert Christus auch von den Gläubigen, denen er die Freude der Begegnung mit ihm geschenkt hat, eine mutige Bereitschaft zum Wiederaufbruch, um sein so altes und doch immer neues Evangelium zu verkünden. Er sendet sie aus, um die Geschichte und die Kulturen der Menschen mit seiner heilbringenden Botschaft zu beleben« (ebd.).

Liebe Brüder und Schwestern, an diesem hohen Festtag am Anfang des neuen Jahres, kurz vor dem Ende des Heiligen Jahres der Hoffnung, wollen wir uns gläubig zur Krippe begeben, dem Ort des „entwaffnenden und entwaffneten“ Friedens schlechthin, dem Ort des Segens, an dem wir uns an die Wunder erinnern, die der Glaube an Jesus Christus in der Heilsgeschichte und in unserem Leben bewirkt hat, um dann wie die demütigen Zeugen der Grotte Gott zu loben und zu preisen (vgl. Lk 2,20) für alles, was wir gesehen und gehört haben. Möge dies unser Vorsatz für die kommenden Monate und für unser ganzes christliches Leben sein.