Brüder und Schwestern,
guten Tag und herzlich willkommen!
Die Konzilskonstitution Gaudium et spes (GS) widmet das erste Kapitel der Würde des Menschen und betont, dass sie die Grundlage und Voraussetzung ist für »jene Werte, die heute besonders in Geltung sind«, die jedoch die Beziehung zu »ihrem göttlichen Ursprung« nicht verlieren dürfen, um mögliche Verzerrungen aufgrund der »Verderbtheit des menschlichen Herzens« zu vermeiden (GS 11).
Der Weg, der es ermöglicht hat, die Grundzüge und Grundrechte der Würde des Menschen hervorzuheben, ist gewiss eines der bedeutsamsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Der Weg, der beschritten werden muss, ist jedoch nicht abgeschlossen und muss sich den alten und neuen Widersprüchen stellen, die seine volle Umsetzung verhindern.
Die Kirche leistet in aller Deutlichkeit ihren Beitrag, indem sie daran erinnert, dass die Würde des Menschen aus dem menschlichen Sein selbst hervorgeht. Ich hatte Gelegenheit, dies auch in der kürzlich veröffentlichten Enzyklika Magnifica humanitas erneut zu betonen. Demzufolge »ist jeder Mensch von Gott daraufhin erdacht und gewollt, in Gemeinschaft mit ihm, mit den anderen und mit der Schöpfung zu treten. Seine Würde hängt nicht von seinen Fähigkeiten, seinem Reichtum oder der Position ab, die er einnimmt, noch von den richtigen oder falschen Entscheidungen, die er trifft, vielmehr ist sie ein Geschenk, das ihm vorausgeht und ihn übersteigt, und Ausdruck der nie endenden Liebe Gottes ist« (Nr. 50). Die unendliche Würde des Menschen ist also in seiner Identität als Geschöpf verwurzelt, das »›nach dem Bild Gottes‹ geschaffen ist, fähig, seinen Schöpfer zu erkennen«, Plan und Geschenk der Liebe, das die anderen erschaffenen Wirklichkeiten übersteigt, die seiner Fürsorge anvertraut sind, »um sie in Verherrlichung Gottes zu beherrschen und zu nutzen« (GS 12).
Im Glauben können wir die letzte Grundlage der Würde des Menschen verstehen, denn der Sohn »macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung« (Nr. 22).
Der Mensch bedeutet immer Beziehung, Gemeinschaft, Teilhabe gegenüber Gott und den anderen, also eine Kindesbeziehung zu Gott, dem Vater, und eine geschwisterliche Beziehung zu Christus und zu allen Menschen. Er schließt selbstbezogene Verschlossenheit aus. Mensch zu sein bedeutet, sich selbst als Geschenk wahrzunehmen, das geteilt werden muss, indem man in der Annahme, in der Gegenseitigkeit, im Dienst wächst und reift.
Diese Würde ist der Verantwortung eines jeden anvertraut. Gleichzeitig erfordert sie auch Solidarität und gegenseitige Fürsorge, um die zahlreichen Verfälschungen und Manipulationen zu überwinden, die ihre Wahrnehmung immer noch entstellen und ihre Verwirklichung behindern. Denn aufgrund der Entscheidungen gegen seine Würde, die in der Geschichte getroffen wurden, »ist der Mensch in sich selbst zwiespältig«, und »deshalb stellt sich das ganze Leben der Menschen, das einzelne wie das kollektive, als Kampf dar, und zwar als einen dramatischen, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis«. Dieser schwache und begrenzte Zustand kann jedoch mit Hoffnung betrachtet werden, denn »der Herr selbst ist gekommen, um den Menschen zu befreien und zu stärken, indem er ihn innerlich erneuerte und ›den Fürsten dieser Welt‹ (Joh 12,31) hinauswarf, der ihn in der Knechtschaft der Sünde festhielt« (GS 13).
Außerdem sagt die Konstitution Gaudium et spes, dass die Würde des Menschen die ganze Person einbezieht; daher müssen dualistische Sichtweisen überwunden werden: Der Mensch ist »in Leib und Seele einer«. Die Reduzierung des Leibes auf einen »Gegenstand«, über den man willkürlich verfügen kann, ist immer eine Verneinung der Würde des Menschen: »Das leibliche Leben darf also der Mensch nicht geringachten«, und er muss »seinen Leib als von Gott geschaffen und zur Auferweckung am Jüngsten Tage bestimmt für gut und der Ehre würdig halten« und darüber wachen, dass er »ihn nicht den bösen Neigungen seines Herzens dienen lasse« (GS 14), da wir alle von der Sünde verletzt sind.
Abschließend möchte ich sagen, dass die bedeutsamsten Ausdrucksformen der Würde des Menschen, die Gaudium et spes erwähnt, drei sind: die Vernunft, die den Menschen zum unersättlichen Sucher nach der Wahrheit macht (Nr. 15); das Gewissen, durch das er seinem Leben Einheit und Sinn verleiht (Nr. 16); die Freiheit, die ihn zum verantwortlichen Handlungsträger seiner eigenen Entscheidungen macht (Nr. 17). Es sind eng miteinander verbundene Dimensionen: Im Gewissen wird die Wahrheit als solche erkannt und kann die Freiheit sie als ihre Grundlage und Möglichkeit erfahren. Der Heilige Geist, der Leben in Christus schenkt, macht uns frei und versichert uns beständig unserer Würde als Kinder Gottes, indem er uns von der Angst befreit und uns zum letzten Ziel führt, zu jenem Leben in Fülle nach dem Tod, das Christus uns verheißen hat. Nur in ihm findet das Geheimnis des Menschen wahres Licht, von ihm empfangen wir das Licht über das Rätsel von Schmerz und Tod, und mit ihm gehen wir der Auferstehung entgegen.
Liebe Brüder und Schwestern, nach dem Bild Gottes, durch Christus und auf ihn hin erschaffen, haben wir eine einzigartige und unauslöschliche Würde empfangen. Bemühen wir uns, sie stets zu fördern und zu verteidigen, mit dem Licht und der Kraft des Evangeliums.
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Liebe Brüder und Schwestern, einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger deutscher Sprache, besonders an die zahlreichen Teilnehmer der Wallfahrt der Kirchenchöre aus dem Bistum Würzburg in Begleitung ihres Bischofs. Erinnern wir uns daran, dass Gott zu loben und zu preisen unsere höchste Berufung ist. Sein Lob sei immer in eurem Mund (vgl. Ps 34,29)!
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