| GEBETSTAG FÜR DEN WELTFRIEDEN ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II . AN DIE VERTRETER DER WELTRELIGIONEN Assisi, 24. Januar 2002 1. In einer Friedenswallfahrt sind wir nach Assisi gekommen. Als Vertreter der verschiedenen Religionen sind wir hier, um uns vor Gott zu prüfen im Hinblick auf unseren Einsatz für den Frieden. Zugleich wollen wir Ihn um das Geschenk des Friedens bitten und unsere gemeinsame Sehnsucht nach einer gerechteren und solidarischeren Welt bezeugen. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, daß die Wolken des Terrorismus, des Hasses, der bewaffneten Konflikte vertrieben werden, denn in den vergangenen Monaten haben sich diese Wolken am Horizont der Menschheit besonders verdichtet. Deshalb wollen wir aufeinander hören, weil das schon ein Zeichen des Friedens ist, das fühlen wir. Darin liegt ja schon eine Antwort auf die besorgten Fragen, die uns beunruhigen. Das dient bereits dazu, die Nebel des Mißtrauens und Unverständnisses zu lichten. ... 3. Der Friede! Die Menschheit braucht immer den Frieden, aber heute braucht sie ihn mehr denn je, das heißt nach den tragischen Ereignissen, die ihr Vertrauen erschüttert haben und die Welt durch die fortdauernden Brandherde und leidvollen Konflikte in Angst versetzen. In der Botschaft vom 1. Januar des Jahres habe ich besonders zwei »Stützpfeiler« hervorgehoben, auf denen der Frieden gründet:den Einsatz für die Gerechtigkeit und die Bereitschaft zur Vergebung. An erster Stelle die Gerechtigkeit, denn es gibt keinen wahren Frieden ohne die Achtung der Würde der Personen und der Völker, der Rechte und der Pflichten eines jeden und der gleichen Verteilung von Wohltaten und Lasten zwischen den einzelnen und der Gesamtheit. Nicht zu vergessen ist, daß den Akten von Gewalt und Terrorismus oft Situationen von Unterdrückung und Ausgrenzung zugrunde liegen. Und dann auch die Vergebung, weil die menschliche Gerechtigkeit der Brüchigkeit und den Grenzen der Egoismen von Einzelpersonen und Gruppen ausgesetzt ist. Nur die Vergebung heilt die Wunden der Herzen und stellt die gestörten menschlichen Beziehungen im Innern wieder her. Erforderlich sind Demut und Starkmut, um in dieser Richtung fortzuschreiten. Der Kontext der heutigen Begegnung, das heißt des Dialogs mit Gott, bietet uns die Gelegenheit, zu bekräftigen, daß wir in Gott die herausragende Vereinigung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit finden. Er ist sich selbst und dem Menschen in höchstem Maß treu, auch wenn sich der Mensch von Ihm entfernt. Die Religionen dienen deshalb dem Frieden. Sie und vor allem ihre Führer haben die Aufgabe, in den Menschen unserer Zeit ein neues Bewußtsein zu wecken hinsichtlich der Dringlichkeit, den Frieden aufzubauen. 4. Das haben die Teilnehmer der Interreligiösen Konferenz anerkannt, die im Oktober 1999 im Vatikan stattfand; sie bekräftigten, daß die religiösen Traditionen die notwendigen Fähigkeiten besitzen, um die Spaltungen zu überwinden und die gegenseitige Freundschaft und Achtung unter den Völkern zu fördern. Bei dieser Gelegenheit wurde auch anerkannt, daß die tragischen Konflikte oft aus der unrechten Verbindung der Religion mit nationalistischen, politischen, wirtschaftlichen oder anderen Interessen erwachsen. Wir, die hier versammelt sind, bekräftigen noch einmal, daß derjenige, der die Religion dazu benützt, um die Gewalt zu schüren, ihrem eigentlichen inneren Antrieb widerspricht. Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen. ... 6. Wenn der Friede ein Geschenk Gottes ist und in ihm seinen Ursprung hat, wo könnten wir ihn suchen, und wie könnten wir ihn bauen, wenn nicht in einer engen und tiefen Beziehung zu Ihm? Den Frieden in der Ordnung, Gerechtigkeit und Freiheit aufzubauen, erfordert deshalb an erster Stelle das Bemühen des Gebets, das Offenheit, Hören, Dialog und zuletzt Vereinigung mit Gott ist, dem eigentlichen Ursprung des wahren Friedens. ... |